#16 - Berlin Hbf

08.08.2021 - Der Hauptstadtbahnhof

 

Manchmal versteht man nur Bahnhof. Beim vorliegenden Bild ist dies allerdings genau richtig und angebracht. Eigentlich ein Wimmelbild - auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Wir sehen Verkehrswege:
- die Spree, mit Flussschiffahrt durch Spree-Athen
- die Uferwege als Fuß- und Radwege entlang der Spree (die Aufnahme wurde am Ludwig-Erhardt-Ufer gemacht),
- die Rahel-Hirsch-Straße für Kraftfahrzeuge aller Art und (etwas verdeckt erkennbar)
- das Gebäude des Hauptbahnhofs über den Gleisen für Züge aller Art.

Diese Verdichtung moderner Mobilität in einer Aufnahme mit zarten Hinweisen zur Lokalität - der Schriftzug des Gebäudes ist unterhalb der Baumreihe erkennbar - ist in gleich mehrerer Hinsicht sehr gelungen.

Das zentrale Thema wird bereits an der Ufermauer der Spree aufgenommen. Die senkrechte, rotsteinige Uferbefestigung mit ihren gleichmäßigen Abschnitten grenzt die Schiene gegen das Wasser ab. Auf der gepflasterten Uferböschung wiederum, wird durch den Schlagschatten des Straßengeländers gleich ein Schienenmuster auf die Steine geworfen, welches vom Fluss direkt den Blick zum Haupteingang des Berliner Hauptbahnhofs lenkt. 
Das Gebäude selbst, von Meinhard von Gerkan entworfen, ist eine Reminiszenz an die stählerne Technik der Schienenwege und des Eisenbahnverkehrs. Dies wird charakterisiert mit dem vorgesetztem Tragwerk aus schweren Breitflanschträgern, welche modern verspannt, verschraubt und verschweißt sind. Die Fachwerkträger an den Gebäudeflanken tragen die Konstruktion mit großer Spannweite über die Gleise. Das Bahnhofsgebäude selbst wird als zerbrechliche, gläserne Konstruktion unter den Stahlträgermantel gestellt.
Der Verkehrsweg Schiene mit seinen Zügen kreuzt unter einem Glasgewölbe den Stahlquerbau. Und das Gewölbe bildet den Wetterschutz für die Fahrgäste. Damit ist es jedoch noch nicht genug. Über dem Bahnhof fliegen, längs im Verlauf der Gleise, feine Dampfwölkchen fort und erzeugen Reiselust und Fernweh mit der Erinnerung an den Beginn der Eisenbahnen mit Dampflokomotiven. Das eine Reise mit der Bahn die Umwelt schont, ist leicht an den leuchtend grünen Bäumen und dem strahlend blauen Himmel erkennbar.

Danke an Konny für den richtigen Augenblick 📷📷📷📷, siebenfünf

Als lyrische Ergänzung habe ich mir heute ein passendes Gedicht von einem meiner Lieblingsautoren, von Erich Kästner, für euch herausgesucht. Und dieses Gedicht ist ziemlich genau 90 Jahre alt.

Das Eisenbahngleichnis

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug
und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft; ein andrer klagt;
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus, wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus, die Mutter schreit
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
und keiner weiß, warum.

Die erste Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr
Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.