An der Kapelle

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Bei ihrem Spaziergang durch das erste zarte Grün, kommen unsere beiden Protagonisten Willi & Carlo an einer kleinen Kapelle vorbei. Da die Füße schmerzen und es sowieso Zeit für eine kleine Rast ist, nutzen die beiden die Gelegenheit sich die Installation näher anzuschauen.

Carlo (leise, fast ehrfürchtig): „Schau dir an, wie still es hier ist. Als würde die Welt für einen Moment den Atem anhalten.“

Willi (schiebt die Hände in die Taschen): „Still, ja. Aber das liegt daran, dass hier keiner rumläuft. Das ist ein Schrein, Carlo, kein metaphysisches Portal.“

Carlo: „Du siehst Gitter. Ich sehe einen Rahmen, der das Heilige schützt.“

Willi: „Ich sehe Stahl. Und eine Statue, die jemand regelmäßig abstaubt. Das ist Handwerk, Tradition, Psychologie. Menschen brauchen Orte, an denen sie ihre Trauer parken können.“

Carlo (lächelt mild): „Parken? Du redest von Gefühlen, als wären sie Autos. Für mich ist das hier ein Ort, an dem Menschen ihre Sehnsucht ablegen. Und Sehnsucht ist nie nur Psychologie.“

Willi: „Doch, ist sie. Ein neuronales Muster, ausgelöst durch Verlust, Hoffnung oder Überforderung.“

Carlo: „Und trotzdem schafft sie Bilder wie dieses. Szenen, die über Jahrhunderte tragen. Die Pietà da hinten — das ist nicht nur ein Motiv. Das ist ein Archetyp des Mitgefühls.“

Willi: „Archetyp, aha. Für mich ist das ein kultureller Dauerbrenner, weil Leid nun mal universell ist. Das funktioniert überall, egal ob du an Gott glaubst oder nicht.“

Carlo: „Vielleicht ist das Universelle ja genau das Göttliche.“

Willi (schnaubt, aber nicht unfreundlich): „Oder einfach menschlich.“

Die beiden stehen schweigend nebeneinander. Willi betrachtet die Gitter, Carlo die Hände der Maria.

Der Wind bewegt nichts, aber beide spüren, dass etwas in ihnen arbeitet.

Carlo: „Weißt du, manchmal frage ich mich, ob wir Menschen solche Orte bauen, weil wir ahnen, dass die Welt brüchig ist. Und wir brauchen etwas, das uns daran erinnert, dass es auch Trost gibt.“

Willi: „Oder weil die Welt brüchig ist und wir uns selbst beruhigen müssen. Das hier ist ein Pflaster auf einer Wunde, die nie ganz zuheilt.“

Carlo: „Aber ein Pflaster ist besser als nichts.“

Willi: „Kommt drauf an. Manchmal klebt man sich damit nur Mut an, statt etwas zu ändern.“

Carlo (blickt ihn an): „Und manchmal ist Mut genau das, was man braucht, um überhaupt etwas ändern zu können.“

Sie schweigen wieder. Diesmal länger.

Willi (leiser als sonst): „Weißt du, Carlo… Wenn ich mir die Welt so anschaue — Kriege, Spaltungen, Leute, die sich gegenseitig nicht mehr zuhören — dann frage ich mich, ob wir nicht mehr Realismus bräuchten. Mehr Klarheit, weniger Illusion.“

Carlo (sanft): „Und ich frage mich, ob wir nicht mehr Idealismus bräuchten. Mehr Hoffnung, weniger Zynismus.“

Willi: „Vielleicht bräuchten wir beides.“

Carlo: „Vielleicht ist die Welt genau deshalb so erschöpft, weil sie ständig zwischen beidem hin- und hergerissen wird.“

Willi: „Oder weil keiner mehr die Geduld hat, die Dinge auszuhalten.“

Carlo: „Oder die Stille.“

Sie schauen wieder auf das Bild. Die Gitter, die Statue, die Pietà.

Carlo: „Weißt du, Willi… egal ob man an das glaubt, was hier dargestellt ist — es erinnert uns daran, dass Schmerz geteilt werden kann.“

Willi (nickt langsam): „Und dass Trost manchmal aus Stein besteht.“

Carlo: „Oder aus einer Idee.“

Willi: „Oder aus der Tatsache, dass zwei Leute stehen bleiben und darüber reden.“

Carlo lächelt. Willi auch, ganz kurz.

Und für einen Moment wirkt die Welt — trotz allem — ein kleines Stück weniger verloren.


Es ist in dieser unser Welt
nicht immer alles wohl bestellt.
Mit Hass, Krieg, Gier und Macht
wird Schönes und der Frieden umgebracht.
Bleibt nur die Hoffnung fürderhin,
das Menschheit ändert ihren Sinn. 


Hoffnung - Rose Ausländer (1901 - 1988)

Wer hofft
ist jung

Wer könnte atmen
ohne Hoffnung
dass auch in Zukunft
Rosen sich öffnen

ein Liebeswort
die Angst überlebt

 

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