Auf der Bank mit Jesus

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Willi & Carlo hatten im Sommerurlaub eine Wanderung durch die Felder gemacht und sind dabei an einem Marterl vorbeigekommen. Klar, dass dies zu einer sehr langen Diskussion zwischen den beiden geführt hatte.  

Ein Feldweg, spätsommerlich. Das Marterl steht still zwischen zwei Bäumen, die Bank davor lädt zum Verweilen ein.

Willi (setzt sich, schaut nach hinten): „Also ehrlich, Carlo. Der Jesus steht uns im Rücken. Ist das nicht... irgendwie falsch?“

Carlo (bleibt stehen, verschränkt die Arme): „Falsch? Oder einfach nur ehrlich? Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Du kannst dich setzen, ausruhen, aber du wirst beobachtet. Oder beschützt. Je nachdem, wie du’s sehen willst.“

Willi: „Oder ignoriert. Ich meine, wenn du auf der Bank sitzt, siehst du ihn nicht. Du schaust ins Feld, ins Offene. Vielleicht ist das die wahre Erlösung: nicht zurück, sondern nach vorn.“

 Carlo (nickt langsam): „Interessant. Vielleicht ist das Marterl gar kein Mahnmal, sondern ein Schwellenzeichen. Du kommst vorbei, du ruhst dich aus, und du entscheidest, ob du dich umdrehst oder weitergehst.“

Willi: „Oder du bleibst sitzen und wartest, bis jemand kommt, der sich neben dich setzt. Und dann beginnt die eigentliche Liturgie: das Gespräch.“

Carlo (lächelt): „Wie jetzt. Und schon sind wir mittendrin. Sag mal, glaubst du, dass Marterln auch für Nichtgläubige wirken? So als... metaphysische Wegmarken?“

Willi: „Ich glaube, sie wirken gerade dann. Wenn du nicht suchst, aber findest. Wenn du nicht betest, aber innehältst.“

Carlo: „Und wenn du dich fragst, warum der Jesus nicht vorne steht, sondern hinten. Vielleicht, weil er nicht führen will, sondern folgen. Oder weil er schon da war, bevor du kamst.“

Willi: „Oder weil er dich nicht stören will. Präsenz ohne Anspruch. Das ist wahre Demut.“

Sie schweigen. Der Wind streicht durch die Felder. Ein Milan zieht seine Kreise.

Carlo (nach einer Weile): „Weißt du, ich hab neulich gelesen, dass manche Leute Marterln als psychogeografische Marker sehen. Orte, wo sich die Landschaft verdichtet. Wo Erinnerung klebt.“

Willi: „Wie ein stiller Knoten im Gewebe der Welt. Und wir sind die Fäden, die vorbeiziehen.“

Carlo: „Oder sich verheddern.“

Willi: „Oder verweben.“

Willi und Carlo sitzen auf der Bank blicken in die Ferne, die Felder schweigen. Ein Wanderer nähert sich – wettergegerbt, mit einem leichten Hinken, aber wachem Blick. Sein Name ist Franz.

Franz (bleibt stehen, schaut auf das Marterl, dann auf die beiden): „Na, ihr zwei Philosophen. Diskutiert ihr wieder über die Blickrichtung des Erlösers?“

Willi (grinst): „Natürlich. Und über die metaphysische Bedeutung von Rückenansicht und Präsenz.“

Carlo: „Wir waren gerade dabei, das Marterl als Schwellenzeichen zu deuten. Aber du kommst wie gerufen. Was siehst du hier, Franz?“

Franz (setzt sich langsam auf die Bank): „Ich seh´ vor allem eine Bank, die zum Sitzen taugt. Und einen Jesus, der nicht stört. Das ist mir sympathisch. Ich mag keine Götter, die sich aufdrängen.“

Willi: „Aber ist das nicht genau der Punkt? Ein Gott, der sich zurücknimmt, der dir den Rücken freihält?“

Franz: „Oder einer, der sich abwendet. Weil er genug hat. Von uns. Von Gewalt und von Symbolik.“

Carlo (lacht): „Jetzt wird’s zünftig. Aber sag mal, Franz, glaubst du, dass solche Orte heute noch wirken? Oder sind sie bloß nostalgische Dekoration?“

Franz: „Sie wirken. Aber nicht wegen dem Holz oder dem Jesus. Sondern weil Leute wie ihr hier sitzen und reden. Das macht den Ort lebendig.“

Willi: „Also ist das Marterl nur ein Katalysator? Ein Anlass für Begegnung?“

Franz: „Genau. Und manchmal auch ein stiller Zeuge. Ich hab hier mal eine Frau weinen sehen. Ganz allein. Keine Worte. Nur Tränen. Da war der Jesus genau richtig platziert.“

Carlo (nachdenklich): „Vielleicht ist das die wahre Funktion: nicht zu erklären, sondern Raum zu geben. Für das, was nicht gesagt wird.“

Willi: „Für das, was man nur spürt, wenn man innehält.“

Franz: „Oder wenn man sich verirrt hat. Und plötzlich merkt: Da steht was. Da sitzt wer. Da bin ich nicht allein.“

Die drei sitzen still, blicken in die Ferne. Der Wind weht durch die Felder. Ein Traktor brummt in der Weite.

Carlo (leise): „Vielleicht ist das Marterl gar kein Zeichen für Glauben. Sondern für Möglichkeit.“

Franz: „Oder für Würde. Die man sich nehmen kann. Oder lassen.“

Willi: „Oder einfach für ein gutes Gespräch. Mit Rückenwind.“ 

 

Am langen Lebenswegesrand
nebst Schlimmen,
ich auch Schönes fand.

Auf Schlimmes war ich nicht erpicht,
nur - kriegt das Schöne so erst mehr Gewicht.

An das Publikum - Kurt Tucholsky (1890 - 1935)

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: «Das Publikum will es so!»
Jeder Filmfritze sagt: «Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!»
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
«Gute Bücher gehn eben nicht!»
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte...
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

Ja, dann...
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser –?
Ja, dann...
Ja, dann verdienst dus nicht besser.

 

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