Der Schiefe Turm von Soest
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Auf ihrer Reise durch Deutschland landen Willi & Carlo in Soest (für Nichtwestfalen: sprich „Sooost“. Man kann auch ein „o“ weglassen). Als die beiden so über den Immermannwall wandeln, fällt ihnen der auffällige Kirchturm von Alt-St. Thomä ins Auge. Dies führt natürlich zu einem sofortigen Halt und einer Diskussion zwischen den beiden.


Willi (blickt nach oben, schirmt die Augen gegen die Sonne):
„Siehst du, Carlo, das ist ein klassisches Beispiel für romanische Zweckmäßigkeit und gotische Eleganz. Die Spitze – schmal, hoch, wetterfest. Damit der Regen abläuft, der Blitz ableitet, und die Leute unten wissen: Hier ist das Zentrum. Architektur als Funktion.“
Carlo (lächelt versonnen):
„Ach Willi, du siehst nur das Äußere. Für mich ist diese Spitze ein Fingerzeig gen Himmel. Ein Symbol für Sehnsucht, für das Streben nach dem Höheren. Als wollte die Kirche selbst sagen: ‚Wir sind nicht nur aus Stein – wir träumen.‘“
Willi (schnaubt leise):
„Träumen bringt dir keinen Schutz vor Sturm. Die Kugel da oben – wahrscheinlich aus Kupfer, wegen der Leitfähigkeit. Und das Kreuz: ein Zeichen, ja, aber auch ein Blitzableiter. Praktisch gedacht.“
Carlo (nickt, aber bleibt bei seiner Sicht):
„Und doch – selbst der Blitz wird hier gezähmt, kanalisiert, in etwas Größeres eingebunden. Ist das nicht auch ein Bild für unsere inneren Stürme? Für das, was uns übersteigt und doch durch uns hindurchgeht?“
Willi (grinst):
„Du könntest aus der Zinkeindeckung ein Gedicht machen.“
Carlo (grinst zurück):
„Und du würdest es mit dem Zollstock messen.“
Carlo (neigt den Kopf, betrachtet die asymmetrische Linie):
„Siehst du das, Willi? Die Spitze ist nicht ganz gerade. Als hätte sie sich im Laufe der Jahre ein wenig verbeugt – nicht aus Schwäche, sondern aus Demut.“
Willi (zieht die Stirn kraus):
„Oder aus statischer Notwendigkeit. Vielleicht hat sich das Fundament gesetzt. Oder der Wind hat über Jahrzehnte gedrückt. Das ist kein Zeichen von Demut, sondern von Materialermüdung.“
Carlo (schmunzelt):
„Und doch – gerade diese leichte Schiefe macht sie menschlich. Perfektion ist kalt. Aber das hier… das ist wie ein Gesicht mit einem schiefen Lächeln.“
Willi (blickt skeptisch):
„Ein schiefes Lächeln kann auch Zahnschmerzen bedeuten.“
Carlo (lacht):
„Oder ein Geheimnis. Vielleicht hat die Kirche etwas erlebt, das sie aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Ein Liebesbrief im Mauerwerk, ein Blitz, der nicht ganz getroffen hat, ein stilles Gebet, das sie innerlich verschoben hat.“
Willi (nickt langsam, widerwillig beeindruckt):
„Oder ein Zimmermann und Dachdecker mit einem schlechten Tag.“
Carlo (leise):
„Oder ein Zimmermann und Dachdecker mit einem Herzen voller Zweifel.“
Willi (schaut noch einmal hoch, dann zu Carlo):
„Du wirst nie einfach nur eine Wand sehen, was?“
Carlo (sanft):
„Und du wirst nie aufhören, sie zu stützen.“
Im Januar, im Februar,
da schneit es oft
in diesem Jahr.
Kleine Stadt am Sonntagmorgen - Erich Kästner (1899 - 1974)
Das Wetter ist recht gut geraten.
Der Kirchturm träumt vom lieben Gott.
Die Stadt riecht ganz und gar nach Braten
und auch ein bißchen nach Kompott.
Am Sonntag darf man lange schlafen.
Die Gassen sind so gut wie leer.
Zwei alte Tanten, die sich trafen,
bestreiten rüstig den Verkehr.
Sie führen wieder mal die alten
Gespräche, denn das hält gesund.
Die Fenster gähnen sanft und halten
sich die Gardinen vor den Mund.
Der neue Herr Provisor lauert
auf sein gestärktes Oberhemd.
Er flucht, weil es so lange dauert.
Man merkt daran: Er ist hier fremd.
Er will den Gottesdienst besuchen,
denn das erheischt die Tradition.
Die Stadt ist klein. Man soll nicht fluchen,
Pauline bringt das Hemd ja schon!
Die Stunden machen kleine Schritte
und heben ihre Füße kaum.
Die Langeweile macht Visite.
Die Tanten flüstern über Dritte.
Und drüben, auf des Marktes Mitte,
schnarcht leise der Kastanienbaum.
(C) 2026 Bild by Sigg und Text by Werner
