Geistiges zwischen Essig und Öl
by wernerpublished on
Hin und wieder leisten sich Willi & Carlo den Besuch beim Italiener. Und, weil gutes Essen anregend auf Körper und Geist wirkt, sind die beiden natürlich in Hochform. Sie sitzen in einem edlen italienischen Lokal und warten auf die bestellte Pasta. Dabei entspinnt sich ein wechselvoller Disput zwischen den beiden über die bereitgestellten Essig und Öl-Zutaten. Ein warmes Licht fällt auf die Flaschenreihe: dunkler Balsamico, roter Wein-Essig, Olivenöl mit goldener Note. Willi und Carlo sitzen sich gegenüber, die Serviette noch unberührt, der Hunger wächst.


Geistiges zwischen Essig und Öl - Ein Tischgespräch
Willi (blickt skeptisch auf die Flaschen): „Siehst du, Carlo – das ist wieder typisch. Zwei Sorten Essig, ein Öl, Pfeffer, Salz, aber kein Hinweis auf Herkunft oder Säuregrad. Wie soll man da eine ausgewogene Vorspeise komponieren?“
Carlo (grinst und dreht die Olivenölflasche spielerisch): „Ach Willi, du und deine Parameter. Essig ist kein Rechenmodell, sondern ein Abenteuer. Vielleicht ist der rote hier ein sizilianischer mit Sonnenkraft – wer weiß?“
Willi: „Abenteuer? Das ist ein Dressing, kein Roman. Wenn ich die Säure nicht kalkulieren kann, wird der Salat zur Tragödie.“
Carlo: „Oder zur Komödie! Vielleicht ist gerade die Ungewissheit das Salz in der Suppe – oder besser: die Säure im Leben.“
Willi (nimmt den Balsamico, prüft ihn gegen das Licht): „Dieser hier ist zu dunkel. Wahrscheinlich industriell reduziert. Ich wette, er überdeckt jede feine Note im Gemüse.“
Carlo (schaut verträumt zur Decke): „Aber was, wenn er genau das will? Vielleicht ist er ein Essig mit Charakter – ein Rebell unter den Dressings.“
Willi: „Ich brauche keine Rebellen auf meinem Teller. Ich brauche Balance.“
Carlo: „Und ich brauche Überraschung. Vielleicht ist das Öl gar kein Öl, sondern ein flüssiger Traum aus Ligurien.“
Die Kellnerin Lucia bringt das Brot. Beide greifen gleichzeitig zur Olivenölflasche. Ihre Finger berühren sich kurz.
Willi (leise): „Na gut. Ein Tropfen. Aber ich will danach die Zutatenliste sehen.“
Carlo (lächelt): „Und ich will wissen, ob der Essig heute melancholisch oder euphorisch schmeckt.“
Die Brotstücke sind getunkt, die Flaschen halb geleert. Die Diskussion nimmt Fahrt auf, als Carlo das Olivenölglas hebt und in das Licht hält.
Carlo: „Siehst du, Willi – Olivenöl ist wie das Leben selbst. Man presst, man filtert, man wartet. Und am Ende bleibt etwas Goldenes zurück. Nicht perfekt, aber echt.“
Willi (nippt nachdenklich an seinem Wasser): „Und der Essig? Der ist das Resultat von Gärung, von Umwandlung. Erst Wein, dann Säure. Ein Zeichen, dass auch das Edle vergehen muss, um Tiefe zu gewinnen.“
Carlo: „Also sagst du, das Leben ist eine Mischung aus Öl und Essig? Aus Sanftheit und Schärfe?“
Willi: „Genau. Wer nur Öl wählt, gleitet durch die Welt – aber ohne Widerstand, ohne Reibung. Wer nur Essig nimmt, wird bitter. Die Balance macht’s.“
Carlo (nickt, grinst dann): „Und doch – manche leben wie Balsamico: süß und dunkel, mit einem Hauch Drama. Andere wie natives Öl – klar, direkt, aber manchmal zu schlicht.“
Willi: „Und dann gibt’s die, die sich nie entscheiden. Die mischen alles, ohne zu kosten. Lebenswege als Dressing-Experimente.“
Carlo: „Vielleicht ist das Leben ja ein Salat – und wir sind nur die Zutaten. Mal knackig, mal welk, aber immer Teil des Ganzen.“
Sie schweigen kurz. Lucia, die Kellnerin bringt die duftende Pasta.
Willi (leise): „Ich glaube, ich nehme heute nur Öl. Ich brauche Klarheit.“
Carlo (lächelt): „Und ich Essig. Ich will spüren, dass ich lebe.“
Die Kellnerin, mittleren Alters, schwarzhaarig, mit blitzenden Augen und dem Tablett voller Pasta, tritt an den Tisch. Sie hat das Gespräch mit halbem Ohr verfolgt und kann sich ein Einmischen nicht verkneifen.
Lucia (stellt die Teller ab, lächelt spitz): „Wenn die zwei Herren so weiter philosophieren, wird das Öl ranzig und der Essig zur Doktorarbeit. Vielleicht einfach mal was essen – und später über das Leben streiten?“
Carlo (lacht laut): „Ah, Signora, Sie haben recht. Aber was ist ein Leben ohne ein bisschen metaphysisches Dressing?“
Willi (nickt anerkennend): „Und was ist ein Salat ohne Struktur? Selbst das Chaos braucht ein Rezept.“
Lucia (zwinkert): „Dann hoffe ich, dass meine Pasta heute Ihre Weltbilder nicht ins Wanken bringt. Sie ist köstlich und al dente – aber nicht dogmatisch.“
Carlo (begeistert): „Das ist es! Al dente als Lebenshaltung – Widerstand, aber mit Herz.“
Willi (schmunzelt): „Solange sie nicht zu weich wird wie manche Argumente hier am Tisch.“
Die Lucia geht, leicht kopfschüttelnd, aber mit einem Lächeln, das verrät: Sie hat schon ganz andere Diskussionen erlebt.
Man redet schlecht mit vollem Mund,
doch auch ein leerer Magen ist nicht gesund.
Wie man es nimmt, so hin und her,
das rechte Maß zu finden - das ist schwer.
Das Essen - Carl Zuckmayer (1896 - 1977)
Ein Mensch beim Essen ist ein gut Gesicht,
wenn er nichts denkt und nur die Kiefer mahlen,
die Zähne malmen und die Blicke strahlen
von einem sonderbaren Urweltlicht.
Vorspeisen sind wie Segel über Buchten,
schlank und zum Hafen schnellend in erregter Fahrt,
indes die schweren Fleischgerichte wuchten
gewaltig über Wiesen von Gemüsen zart.
Welch ein entzücktes Spiel: zu hohen Festen
erlesener Bissen Liebreiz zu erflehn,
und welche Lust: sich mächtig vollzumästen
satt und mit Saft gefüllt vom Hals bis zu den Zeh'n.
Fischfleisch ist weiß und heilig oder rosen,
und manchmal rauchgebeizt und lauchgewürzt.
Auch kleine Fische gibt's in blanken Dosen,
die man wie Schnäpse jach hinunterstürzt.
Wildbret: Du Perle Cumberlands, von edler Fäule
und nackter Horden rohgebratner Fraß!
Wohl dem, der Schneehuhn oder Rentierkeule
(gespickt mit Sahne) hoch im Norden aß.
Beefsteak tatare ist fast so stark an Gnade
wie ein am Grill gebratnes Lendenstück
und viele Götter leben im Salate,
saftrot und samenkerngeschwellt das Weib Tomate.
Und grünes Kraut im Frühling ist ein kühles Glück.
Wenn du Kartoffel oder Spargel isst
schmeckst du den Sand der Felder und den Wurzelsegen,
des Himmels Hitze und den großen Regen
die kühlen Wässer und den warmen Mist.
Lasst mich hier schweigen vom Besoffensein,
vom tiefsten, tödlichsten Hinübergleiten,
vom hellsten, wachsten Indiewinde-Reiten,
die Welt ist groß und unser Wort ist klein.
Lasst mich hier schweigen von dem Blutgericht
geheimster Liebe in verrauschten Zeiten –
lasst mich nur essen, dankbar und bescheiden –
ein Mensch beim Essen ist ein gut Gesicht.
(C) 2026 Bild und Text by Werner
