Im Hotel

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Willi & Carlo waren neulich mit dem Zug unterwegs. Durch das eisige Winterwetter sind sie viel später als geplant im Hotel angekommen. Es wurde schon langsam dunkel an diesem grauen, trüben Wintertag.

 

Sie gehen flink auf ihr Zimmer und Willi steht zuerst am Fenster, die Jacke noch halb an, halb aus, der Schal wie ein erschöpfter Wurm um den Hals.
Carlo kommt nach, schiebt sich neben ihn, und beide schauen wortlos auf das beleuchtete Bürogebäude gegenüber.

Carlo: „Guck mal, Willi… da drüben arbeiten sie noch. Um die Uhrzeit. Im Warmen. Mit Kaffee.“
Willi: „Kaffee ist um die Uhrzeit auch keine Lösung. Das ist ein Hilfeschrei in Tassenform.“

Sie beobachten eine Person, die im dritten Stock hektisch zwischen Schreibtisch und Drucker pendelt.

Carlo: „Der da… der kämpft. Das ist ein Mann, der heute schon drei Mal beschlossen hat, zu kündigen.“
Willi: „Und jedes Mal hat er’s vergessen, weil der Drucker wieder Papier wollte.“

Im zweiten Stock lehnt jemand am Fenster, telefoniert, gestikuliert.

Carlo: „Der da unten… der erklärt gerade zum fünften Mal, warum das Projekt nicht schneller geht.“
Willi: „Und am Ende sagt er: ‚Ich schick’s gleich rüber‘, obwohl er weiß, dass er’s erst morgen früh macht.“

Eine Frau im obersten Stockwerk räumt ihre Tasche ein, nimmt sie wieder raus, räumt sie wieder ein.

Carlo: „Sie sucht ihre Motivation.“
Willi: „Die liegt wahrscheinlich noch in der Kantine. Zwischen dem verkochten Brokkoli und der Hoffnung.“

Carlo lacht leise, lehnt die Stirn ans Fenster.

Carlo: „Weißt du, Willi… manchmal beneide ich die Leute da drüben. Die haben Kollegen, die haben Routine, die haben…“
Willi: „…Rückenschmerzen, Deadlines und Kantinenessen, das klingt wie ein pädagogisches Experiment.“
Carlo: „Du bist so romantisch.“
Willi: „Ich bin realistisch. Das ist mein romantisch.“

Sie schauen weiter. Ein letzter Lichtschalter geht aus. Das Gebäude wird dunkel.

Carlo: „Jetzt gehen sie heim.“
Willi: „Oder sie bleiben einfach im Treppenhaus stecken, weil die Heizung da am besten ist.“

Carlo zieht die Vorhänge halb zu.

Carlo: „Willi… wir sollten auch schlafen.“
Willi: „Ja. Morgen müssen wir wieder realistisch und idealistisch sein.“
Carlo: „In dieser Reihenfolge?“
Willi: „Kommt drauf an, wer zuerst wach ist.“

Später Abend im Hotelzimmer

Carlo sitzt inzwischen auf dem Bett, die Schuhe halb ausgezogen, als hätte er unterwegs vergessen, ob er sich hinlegen oder wieder aufstehen wollte.
Willi steht noch am Fenster, aber eher aus Prinzip, nicht aus Überzeugung.

Carlo: „Also… was machen wir morgen? Irgendwas Produktives vielleicht.“
Willi: „Produktiv ist ein großes Wort. Wir könnten anfangen mit: nicht zu spät aufstehen.“
Carlo: „Das klingt nach einem Plan, der scheitern will.“

Willi dreht sich um, zieht die Vorhänge zu, als würde er damit auch die Arbeitswelt gegenüber endgültig ausschalten.

Willi: „Wir könnten frühstücken.“
Carlo: „Das ist kein Plan, das ist ein Reflex.“
Willi: „Ein guter Reflex. Besser als die meisten, die ich habe.“

Carlo legt sich quer aufs Bett, die Arme hinter dem Kopf.

Carlo: „Vielleicht gehen wir spazieren. Durch die Stadt. Einfach so. Ohne Ziel.“
Willi: „Ein Spaziergang ohne Ziel ist ein Ziel ohne Spaziergang.“
Carlo: „Willi… das ergibt nicht mal für dich Sinn.“
Willi: „Ich weiß. Ich bin müde.“

Sie lachen beide leise, dieses müde Lachen, das nur nach langen Bahnfahrten entsteht.

Carlo: „Oder wir gehen in ein Museum. Da ist warm, da ist ruhig, und niemand will was von einem.“
Willi: „Museen sind gut. Da kann man so tun, als würde man etwas verstehen.“
Carlo: „Ich verstehe oft was.“
Willi: „Ja. Aber meistens ist es nicht das, was an der Wand steht.“

Carlo wirft ein Kissen nach ihm, verfehlt ihn aber absichtlich.

Carlo: „Oder wir setzen uns in ein Café. Ein richtig gemütliches. Mit großen Fenstern. Und gucken Leute an.“
Willi: „Das machen wir doch jetzt schon. Nur ohne Kaffee.“
Carlo: „Stimmt. Aber morgen könnten wir es professioneller machen.“

Willi setzt sich endlich aufs zweite Bett, als hätte er einen Vertrag mit der Schwerkraft unterschrieben.

Willi: „Vielleicht sollten wir einfach alles langsam machen. Egal was.“
Carlo: „Langsam klingt gut.“
Willi: „Langsam ist das neue Schnell.“
Carlo: „Das sagst du nur, weil du nicht mehr schnell kannst.“
Willi: „Ich kann schnell. Ich will nur nicht.“

Eine kurze Pause. Beide atmen gleichzeitig tief durch, als hätten sie sich abgesprochen.

Carlo: „Weißt du, Willi… ich glaube, morgen wird ein guter Tag.“
Willi: „Warum?“
Carlo: „Weil wir ihn nicht überfrachten.“
Willi: „Das ist der beste Grund, den ich seit Wochen gehört habe.“

Carlo zieht die Decke über sich, nur bis zur Brust.

Carlo: „Dann machen wir’s so: Wir stehen auf, wenn wir aufstehen. Wir frühstücken, wenn wir wach sind. Und wir gehen raus, wenn wir Lust haben.“
Willi: „Das klingt nach einem Plan, den man nicht kaputtkriegt.“

Carlo schließt die Augen.

Carlo: „Gute Nacht, Willi.“
Willi: „Gute Nacht, Idealist.“
Carlo: „Gute Nacht, Realist.“
Willi: „Gute Nacht, Rücken.“
Carlo: „Gute Nacht, Welt.“

Und dann wird es still. Aber nur für heute.


Die Bahn, die fährt 
bei jedem Wetter.
Nur bei schönem
fährt
sie
einfach better.


Die Ameisen - Joachim Ringelnatz (1883 - 1934)

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.

 

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