Winterruhe
by wernerpublished on
Willi, der Realist und Carlo, der Idealist, haben bei eisigem, aber sehr schönem Winterwetter, einen Waldspaziergang im Tiefschnee gemacht. Wie sie so durch den Schnee stapfen unterhalten sie sich wie immer über die philosophischen Fragen des Lebens und natürlich über das was sie sehen. Und - mit denen, die sie unterwegs treffen.
Willi (zieht den Schal fester):
„Wenn man bedenkt, wie viel Energie dieser Schnee bindet. Alles liegt still. Keine Bewegung, kein Wachstum. Der Wald ist im Winterschlaf – effizient, aber leblos.“
Carlo (lächelt und schaut in die Sonne, die durch die Äste fällt):
„Oder er träumt. Die Äste sind wie Gedanken, die sich in den Himmel strecken. Vielleicht ist das gerade die produktivste Zeit – unsichtbar, aber tief.“
Willi (tritt vorsichtig in eine frische Schneeverwehung):
„Unsichtbar ist auch, wie ich gleich auf dem Hintern lande. Tiefschnee ist kein philosophisches Medium, sondern ein logistisches Problem.“
Carlo (lacht):
„Aber ein schönes Problem! Schau doch – jeder Schritt hinterlässt eine Spur. Wir schreiben gerade ein Gedicht in den Schnee.“
Willi (blickt zurück auf die Fußspuren):
„Ein Gedicht, das morgen verschwunden ist. Wie alles, was wir sagen. Worte sind wie Schnee – flüchtig, formbar, und am Ende Wasser.“
Carlo (bleibt stehen, schaut auf einen vereisten Ast):
„Aber Wasser nährt. Vielleicht ist das die Aufgabe der Idealisten: Worte zu sagen, die irgendwann Wurzeln schlagen.“
Willi (nickt langsam):
„Und die der Realisten: darauf zu achten, dass man sich dabei nicht den Fuß bricht.“
Carlo (grinst):
„Einverstanden. Du sorgst für die Stabilität, ich für die Richtung. Zusammen sind wir ein ziemlich guter Kompass.“
Willi (schaut auf das Lichtspiel im Schnee):
„Solange du nicht versuchst, den Nordstern zu umarmen.“
Carlo (flüstert):
„Nur mit Worten.“
Carlo (bleibt abrupt stehen):
„Warte mal… mein linker Handschuh ist weg.“
Willi (dreht sich um, scannt die Spur im Schnee):
„Das ist der Preis für idealistische Gesten. Du hast doch vorhin noch mit ausgebreiteten Armen vom „Gedicht im Schnee“ gesprochen.“
Carlo (grinst, aber leicht besorgt):
„Vielleicht ist er Teil des Gedichts. Ein Vers, der sich gelöst hat.“
Willi (geht ein paar Schritte zurück, bückt sich und hebt etwas auf):
„Oder einfach ein verlorenes Accessoire. Voilà – dein Handschuh, halb verschneit, aber noch warm.“
Carlo (nimmt ihn dankbar entgegen):
„Danke, Realist. Du bist wie eine Fußnote – klärend, rettend, manchmal trocken, aber unverzichtbar.“
Willi (lacht):
„Und du bist wie ein Vorwort – blumig, inspirierend, aber gelegentlich etwas zu lang.“
Carlo (zieht den Handschuh wieder an, schaut in den Wald):
„Vielleicht ist das der Sinn solcher Spaziergänge. Etwas verlieren, etwas finden. Und dazwischen reden wir über alles, was bleibt.“
Willi (nickt und schaut auf die Spur im Schnee):
„Und über das, was verschwindet. Wie Fußspuren. Wie Handschuhe. Wie Gedanken, wenn man sie nicht festhält.“
Carlo (leise):
„Dann lass uns weitergehen. Vielleicht verlieren wir noch etwas – und finden etwas Größeres.“
Ein kleines rotes Eichhörnchen huscht über den Weg, stoppt vor den beiden, richtet sich auf und betrachtet sie mit dem selbstverständlichen Ernst eines Professors, der zu spät zur Vorlesung kommt.
Eichhörnchen:
„Ihr tretet aber tief rein in meine Vorratskammern. Passt auf die Nüsse auf.“
Carlo (begeistert):
„Oh! Ein Waldphilosoph. Sag, kleiner Freund – wie macht ihr das eigentlich mit dem Winterschlaf? Ist das eher ein Rückzug oder eine Transformation?“
Willi (leise):
„Oder einfach Energiesparen.“
Eichhörnchen (legt den Kopf schief, als würde es eine Brille zurechtrücken):
„Also, erstens: Wir halten keinen Winterschlaf. Das machen Murmeltiere, Igel, Fledermäuse. Wir halten Winterruhe. Ein feiner Unterschied, den ihr Menschen gern ignoriert.“
Carlo (nickt ehrfürchtig):
„Winterruhe… das klingt poetischer. Wie ein bewusstes Innehalten.“
Willi:
„Oder wie ein schlecht isolierter Kühlschrank, der nervend ab und zu anspringt.“
Eichhörnchen (wedelt mit dem Schwanz, leicht genervt):
„Wir schlafen viel, ja. Aber wir wachen regelmäßig auf, um unsere Vorräte zu holen. Haselnüsse, Bucheckern, Eicheln. Alles fein sortiert. Ein logistisches Meisterwerk, möchte ich hinzufügen.“
Carlo:
„Also eine Mischung aus Meditation und Projektmanagement.“
Willi:
„Und mit deutlich weniger Meetings.“
Eichhörnchen (stolz):
„Genau. Und wenn ihr zwei weiter so laut philosophiert, finde ich meine Depots nie wieder. Der Schnee trägt jedes Geräusch wie ein Megafon.“
Carlo (flüstert sofort):
„Entschuldigung. Wir wollten dich nicht stören.“
Willi (ebenfalls flüsternd):
„Wir sind nur Spaziergänger. Keine Nussdiebe.“
Eichhörnchen (nickt zufrieden):
„Gut. Dann wünsche ich euch eine angenehme Winterruhe im Kopf. Ihr Menschen könnt das ja nicht so gut wie wir.“
Und mit einem eleganten Satz verschwindet es im Unterholz.
Carlo (leise):
„Winterruhe im Kopf… das nehme ich mit.“
Willi:
„Ich auch. Und vielleicht sortiere ich später meine Gedanken wie Nüsse.“
Carlo (lächelt):
„Dann wird’s ein guter Winter.“
Im tiefen Schnee
auf Waldesgrund,
lief gestern mal ein kleiner Hund.
Die Schnauze ständig nur
im kalten Weiß,
dacht´ er bei sich: Was für ein Sch...nee.
Vor einem Winter - Eva Strittmatter (1930 - 2011)
Ich mach ein Lied aus Stille
und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
geht ein in mein Gedicht.
Der See und die Libelle.
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.
Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne.
Was es auch immer sei,
Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
in einer finstren Nacht.
Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.
(C) 2026 Bilder und Text by Werner

